DIE RHEINPFALZ
08.11.2018

Im Rausch der zerbrechlichen (Klang-)Farben

Temperament, Energie, Fantasie: Das „Wiener Klaviertrio“ spielt im Saalbau Werke von Mozart, Debussy und Dvorak

Von Gabor Halasz

«Neustadt». Wer auf Kammermusik von höchstem künstlerischem Anspruch versessen ist, kam am Dienstag beim jüngsten Konzert der städtischen Aboreihe im Neustadter Saalbau voll auf seine Kosten. Mit Mozart, Debussy und Dvorak sorgte das „Wiener Klaviertrio“ für Furore. Die stürmischen Ovationen am Ende des Konzerts nachzuvollziehen, fiel keineswegs schwer.

Versucht man sich zu erklären, worin das Faszinosum, das ganz Außerordentliche der Darbietungen bestand, so fallen zuerst die ansteckende Musikbegeisterung der drei Spieler, ihre unerhört vitale Art und ihre farbenfrohe gestalterische Fantasie ein. Der amerikanische Geiger David McCarroll und seine österreichischen Mitstreiter, der Pianist Stefan Mendl und der Cellist Clemens Hagen (Mitglied des weltweit gefeierten „Hagen Quartetts“), agierten mit unbändigem Willen zum Modellieren, extrem angespannt und ungemein expressiv.

Vor allem kannte diese Spielweise kein Leerläufe. Nichts spulte sich hier routiniert oder unverbindlich ab. Vielmehr ereignete sich diesmal ungewöhnlich viel in der Musik. Sie lebte, atmete, sang – und sprach vor allem. Wobei Letzteres auf sehr beredte Weise geschah. So wurden die Besucher im Saalbau gleich bei den ersten Takten von Mozarts G-Dur-Trio (KV 496), dem Auftaktstück des Abends, gefangen genommen durch den Esprit und die Eleganz der musikalischen Diktion, durch das überaus plastische Profil des Figurenwerks in Stefan Mendls und David McCarrolls Wiedergabe. Überhaupt bildeten die unbestechlich prägnant artikulierten perlenden Läufe des Pianisten bei diesem Konzert ein Kapitel für sich. Dementsprechend gab es dieses Mal einen ebenso stilvollen wie facettenreichen und beredten Mozart zu erleben, zu dem auch Clemens Hagen mit feurigem, (im besten Sinne) musikantischem Temperament seinen Beitrag leistete.

Temperament, Energie und ausgelassene Musizierfreude verlangte dann nach der Pause auch mit Nachdruck das Schlussstück des Programms: Dvoraks erstes Klaviertrio (B-Dur, op. 21) – und die drei Spieler ließen sich keineswegs bitten. Die strömenden, teils slawisch folkloristisch inspirierten Kantilenen, die seelenvoll ausladenden Melodiebögen zeichneten sie sehr empfindsam, mit feinem Detailgespür nach, um dagegen bei den Steigerungen und Verdichtungen geballte musikalische Energien zu entfalten. Um noch bei Dvorak zu bleiben: einen krönenden Schluss bildete am Ende des Konzerts die Zugabe, ein durch vornehmstes thematisches Erfinden und beseelte kammermusikalische Lyrik geprägter langsamer Triosatz.

Dass man es an diesem Abend mit Virtuosen von Format zu tun hatte, bedürfte möglicherweise keiner Erwähnung. Allerdings wurde zwischen Mozart und Dvorak Instrumentalakrobatik in großem Stil zelebriert bei zwei Spätwerken Debussys: den Sonaten für Cello und Klavier und anschließend in jener für Violine und Klavier, der ein Jahr vor seinem Tod entstandenen letzten vollendeten Arbeit des Komponisten. Hagens, McCarrolls und Mendls großartig brillante, frappant raffinierte, geistvolle Wiedergaben legten die in tausend Farben schillernde Koloristik, die Tonpracht, die irrealen, bizarren Klangvisionen – kurz, die ganze schwebende, gleichsam entmaterialisierte Schönheit der Stücke – auf ebenso bravouröse wie sensible Weise frei. Debussys Vortragsangabe zum Mittelsatz („Intermède“) der Violinsonate lautet „Fantastique et léger“ , also fantastisch und leicht. Dem wurde die Wiedergabe in Neustadt uneingeschränkt gerecht.